Teilhabe neu denken: Systemische und präventive Hilfen für Kinder mit besonderen Bedürfnissen

Wie muss das Sozialsystem weiterentwickelt werden, damit Kinder mit besonderen Förder- und Betreuungsbedarfen gerechte Teilhabe erfahren – ohne Schulen und öffentliche Haushalte zu überlasten?

Der Artikel der Cuxhavener Nachrichten „Schulassistenz auf dem Prüfstand“* macht den strukturellen Konflikt zwischen steigenden Bedarfen an Schulassistenz und dem wachsenden Kostendruck des Landkreises deutlich. Aus Sicht des MVZ Timmermann und Partner, das nach einem biopsychosozialen Ansatz arbeitet und täglich mit Kindern mit komplexen Unterstützungsbedarfen befasst ist, ist der Ansatz Schulassistenz neu zu denken sehr zu begrüßen, die Perspektive der primären Kosteneinsparung greift jedoch zu kurz.

„Wenn Schulassistenz primär als Kostenfaktor betrachtet wird, besteht die Gefahr, dass kurzfristige wirtschaftliche Interessen über die pädagogischen Bedarfe der Kinder gestellt werden und langfristige gesellschaftliche und finanzielle Folgen ausgeblendet bleiben“, betont Jochen Timmermann, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychotherapie, Allgemeinmedizin, Kinder- und Jugendmedizin sowie ärztlicher Leiter des MVZ.

Hilfsangebote müssen systemisch und präventiv ausgerichtet werden

„Es ist äußerst besorgniserregend, dass immer mehr Kinder, insbesondere mit sozio-emotionalen Förderbedarfen, nur mit besonderer Unterstützung Zugang zu Bildung erhalten können. Hier erfordert eine nachhaltige Lösung mehr als Symptombehandlung: Wir brauchen eine differenzierte Ursachenanalyse und vor allem präventive Maßnahmen, die Probleme frühzeitig an der Wurzel angehen“, erklärt Timmermann.

Eine zukunftsfähige Strategie müsse daher systemisch gedacht werden – unter Berücksichtigung von Ursachen, Wechselwirkungen und langfristigen Folgen sozialer Benachteiligung.

Bente Bauch, Sozialarbeiterin im MVZ, ergänzt: „Damit Kinder mit erhöhtem Förder- und Betreuungsbedarf wohnortnah und angepasst an ihre individuellen Bedürfnisse Teilhabe an Bildung erfahren und zu Erwachsenen mit guten sozialen Perspektiven und beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten heranwachsen können, müssen ressourcenschonend, vor allem aber zeitnah innovative Maßnahmen entwickelt werden, damit eine weitere Zunahme an schulbezogenen Problemen, wie Schulabsentismus, Suspendierungen oder Schulabbrüchen möglichst verhindert wird.“

Verwaltung und Politik müssen gemeinsam handeln

Für eine wirksame Lösung braucht es abgestimmte Entscheidungen auf Verwaltungs- und politischer Ebene. „Es bedarf gewissermaßen einer Querbohrung zwischen den Sozialgesetzbüchern und den zugehörigen Ministerien auf Landes- und Bundesebene“, fordert Timmermann. Nur durch koordiniertes Handeln könne ein tragfähiges, zukunftsorientiertes Unterstützungssystem entstehen.

Frühe Hilfen ab dem Kita-Alter – für Kinder und Familien

Als wichtige Schritte erachtet das MVZ Timmermann und Partner daher:

  • Ausbau des Förderpools für Schulassistenzen
  • Sektorenübergreifende, systemische Präventionskonzepte ab dem Kita-Alter
  • Familienstärkende Angebote ab dem Kita-Alter mit nahtlosem Übergang in die Schule
  • Ein multimodales Netzwerk aus Jugendhilfe, Schulen, Familien und ggf. fachärztlich-therapeutischen Einrichtungen
  • Ein koordinierter und verbindlich geregelter Austausch zwischen Bildungssystem, fachärztlich‑therapeutischen Einrichtungen und der Jugendhilfe

Nur ein früh ansetzendes, ganzheitliches Unterstützungssystem kann verhindern, dass sich Belastungen verfestigen und später deutlich höhere Kosten entstehen.

Cuxhaven, 9. Juni 2026

* Ulrich Rohde: Schulassistenz auf dem Prüfstand, in: Cuxhavener Nachrichten vom 5.06.2026, S. 13