Honorarkürzungen in der Psychotherapie

Der erweiterte Bewertungsausschuss hat beschlossen, die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen zum 1. April um 4,5 Prozent zu senken. Welche Auswirkungen dies für die psychotherapeutische Versorgung hat, erzählt Jochen Timmermann* im Interview.

Was halten Sie von den Honorarkürzungen?

Ich halte die Honorarkürzungen für brandgefährlich und sie gehen völlig an der Realität vorbei. In den Medien können wir fast täglich lesen, dass die psychische Belastung in der Bevölkerung zunimmt und die psychotherapeutische Versorgung am absoluten Limit arbeitet. Psychische Erkrankungen liegen derzeit auf Platz 3 der Erkrankungsgruppen, die die meisten Ausfalltage in der Berufswelt verursachen. Auch das kürzlich veröffentliche Deutsche Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung hat festgestellt, dass die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen erstmals nach der Corona-Pandemie wieder zunimmt und jedes vierte Kind bzw. jeder vierte Jugendliche im Alter zwischen 8-17 Jahren mit psychischen Belastungen zu kämpfen hat.

Statt die medizinische Versorgung zu stärken ist nun die Antwort des Erweiterten Bewertungsausschusses der Kassenärztlichen Vereinigung, die Vergütung für Psychotherapeuten zu kürzen, was zu einer weiteren Verknappung der Versorgung führen wird. Ich kann diese Entscheidung absolut nicht nachvollziehen.    

Fühlen Sie sich durch die Kürzungen in Ihrer Arbeit ausreichend wertgeschätzt?

Stellen Sie sich vor, ihr Arbeitgeber würde von Ihnen aufgrund Personalmangels und einer erhöhten Auftragslage Mehrarbeit verlangen, die teilweise sogar unbezahlt erfolgt. Als Dank kürzt er Ihnen darauf das Gehalt. Vermutlich würden Sie das nicht als Wertschätzung empfinden.

Darüber hinaus liegt die Vergütung für Ärztliche Psychotherapeuten schon jetzt am unteren Ende der Verdienstskala bei den Fachbehandlern. Ärztliche Psychotherapeuten verdienen im Schnitt deutlich weniger als Haus- oder andere Fachärzte. Die beschlossenen Kürzungen verstärken das Bild einer verminderten Wertschätzung für die sogenannte sprechende Medizin.

Wie stark werden die Kürzungen Ihr Medizinisches Versorgungszentrum betreffen?

In fast allen Berufen führten Inflation und steigende Kosten zu höheren Gehältern und Löhnen. Ich müsste jetzt eigentlich bei den Psychotherapeuten im MVZ Timmermann und Partner das Gegenteil machen, nämlich ihr Gehalt kürzen. Das werde ich aber schon aus Gründen der Wertschätzung nicht machen. Der wirtschaftliche Spielraum unseres Versorgungszentrums wird dadurch natürlich geringer, was sich auf alle Therapieformen bei uns auswirkt.   

Von den Entscheidungsträgern werden immer wohnortnahe ambulante Behandlungsangebote gefordert, um lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz zu vermeiden und Kosten zu reduzieren. Dem möchten wir gerne nachkommen, aber dann müssen dafür auch die Voraussetzungen geschaffen werden.  

Kann die Versorgung der Patientinnen und Patienten überhaupt gewährleistet werden?

Die ehrliche Antwort darauf lautet leider nein. Wir haben im MVZ Timmermann und Partner bereits jetzt eine Warteliste mit mehreren hundert Patientinnen und Patienten. Insbesondere im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist mit dem Ende der Corona-Pandemie die Nachfrage deutlich gestiegen. Akute Fälle im Kinder- und Jugendbereich haben zwar schon immer möglichst zeitnah einen Ersttermin im MVZ erhalten. Dennoch können wir trotz all unserer Bemühungen schon jetzt aufgrund des enormen Bedarfes nicht alle Patientinnen und Patienten ärztlich behandeln. Wir wurden in den letzten Jahren nicht müde, Entscheidungsträger auf die katastrophale Unterversorgung hinzuweisen und unsere Ärzte und Therapeuten versuchen alles, um die Patienten adäquat zu versorgen. Die Kürzungen sind nun ein weiterer Stein, der uns in den Weg gerollt wird.

Die richtige Antwort auf die akute Unterversorgung wäre z.B. ein Abbau von Bürokratie, die Stärkung der ambulanten Versorgung und Prävention. Auch könnte die Ausbildung der Ärztlichen Psychotherapeuten stärker gefördert werden, die durch die Kürzungen massiv erschwert wird.  

Müssen Sie Ihre Arbeitsweise bzw. Ihr Angebot durch die Kürzungen verändern?

Wir haben einen Versorgunsgsauftrag und das Wohl unserer Patientinnen und Patienten liegt uns am Herzen. Faktisch bedeuten die Kürzungen für uns, dass wir Mehrarbeit für weniger Geld leisten. Das in einer Situation, in der die Therapeutinnen und Therapeuten schon jetzt am Limit arbeiten und wir händeringend nach neuen Psychotherapeuten suchen.

Welche Auswirkungen erwarten Sie für Ihre Patientinnen und Patienten?

Es wird bundesweit vermutlich weniger Termine für Patientinnen und Patienten geben. Auch psychotherapeutische Praxen müssen wirtschaftlich arbeiten. Es ist widersprüchlich, wenn man einer Berufsgruppe 4,5 Prozent des Gehaltes nimmt und gleichzeitig Mehrarbeit und schnellere Termine erwartet.

Wie bewerten Sie die Kürzungen im Hinblick auf psychotherapeutische Versorgung insgesamt?

Ich Blicke mit großer Sorge in die Zukunft. Es gibt einen Gesichtspunkt, der in meinen Augen noch viel zu wenig diskutiert wird: Wir werden insbesondere beim Nachwuchs durch die Kürzungen ein Problem bekommen. Wie in jedem anderen Berufsfeld, ist ein Aspekt bei der Berufswahl die wirtschaftliche Attraktivität des Berufes. Ärztliche Psychotherapeuten werden schon jetzt schlechter als andere Fachberufsgruppen bezahlt. Als Student würde ich mir auch die Frage stellen, ob andere Fachberufsgruppen dann nicht attraktiver sind.

Erwarten Sie langfristige Folgen für das Gesundheitssystem? Welche?

Die langfristigen Folgen sehe ich nicht nur für das Gesundheitssystem. Ich sehe ebenfalls gravierende Folgen für die Patientinnen und Patienten sowie für die Gesellschaft. Patientinnen und Patienten, die ohnehin schon monatelang auf einen Therapieplatz warten, werden noch länger warten. Das kann zu einer Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes, Chronifizierung und Arbeitsunfähigkeit führen. Wenn ambulante Plätze fehlen, kommt es zu einer Überlastung von psychiatrischen Kliniken und Notaufnahmen, da diese vermehrt in Anspruch genommen werden, was die Politik eigentlich verhindern wollte. Durch die Überlastung des Systems kommt es zu unbehandelten Erkrankungen, was gesellschaftliche Folgekosten z.B. durch Arbeitsausfall verursacht. Dazu müssen wir uns die Frage stellen, was es mit der Gesellschaft macht, wenn Menschen keine Möglichkeit mehr haben, ihre Leiden behandeln zu lassen.  

Was würden Sie Patientinnen und Patienten raten, die aktuell einen Therapieplatz suchen?

Als Patientin oder Patient würde ich versuchen, eine weitere Verschlechterung bei der medizinischen Versorgung zu verhindern. Unterstützen Sie uns dabei, dass wir auch weiterhin eine gute Versorgung anbieten können. Es ist damit zu rechnen, dass die Berufsorganisationen zu Protesten anrufen, an denen man sich auch als Patientin oder Patient beteiligen kann. Ein Brief an Ihre Krankenkasse oder das Bundesministerium für Gesundheit, in dem Sie sich mit den Kürzungen nicht einverstanden erklären, kann sicher ebenfalls nicht schaden.

* Jochen Timmermann, Gründer und Geschäftsführer des MVZ Timmermann und Partner, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychotherapie, Allgemeinmedizin, Kinder- und Jugendmedizin, Ernährungsmedizin sowie Vorsitzender des Landesverbandes Niedersachsen des Bundesverbandes Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e.V. (BDPM)